Leseprobe aus den Dezembergeschichten

Gipfelfreuden

Vati geriet ins Schwärmen. „Die Berge sind eine Welt für sich. Sie haben viele Gesichter, für mich sind sie alle schön. Der Frühling, wenn das Leben hier oben aus der Kältestarre erwacht und Millionen Krokusse ihre Köpfe zum Himmel strecken, ist der erste große Paukenschlag im Jahr. Mit Beginn der Schneeschmelze schwellen unzählige Rinnsale zu reißenden Bächen an, die wenig später tosend ins Tal stürzen. Der Aufruf an die Murmeltiere, sich aus ihrem Bau zu wagen. Noch nicht ganz auf Zack, reiben sie sich die Augen und blicken schadenfroh zum Nachbarn hin, der wieder mal verschlafen hat. Aurikeln und Sumpfdotterblumen liegen bereits unter der Schneedecke auf Lauer, um ihren großen Auftritt nicht zu verpassen. Primeln und Co. können es gar nicht erwarten, ihr gelbes Kleid zu präsentieren. Der Steinbrecher schüttelt erfolgreich
die Last des Pappschnees ab. Monatelang war er platt wie eine Briefmarke zwischen Fels und Eis eingeklemmt. Der Sommer muss sich ganz schön was einfallen lassen, um mit dem Frühling mithalten zu können. Sein Trick … er legt
Bergwiesen ihr Sonntagskleid an, doch ihre Tage sind gezählt. Allzu bald fällt das Blütenmeer der Sense zum Opfer. Margeriten, Storchenschnabel und Kuckucksblumen verbleiben nur ein paar Wochen, um ihre Pracht zu entfalten.
Jetzt ist auch die hohe Zeit des Nachwuchses. Rehkitze sind nach der Geburt noch etwas wackelig auf den Beinen. Die jungen Murmele sind da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Bereits kurz nach der Geburt vergnügen sich die Jungtiere, wenn auch recht tollpatschig, mit ihren Artgenossen. Mami Murmel hält derweil Wacht. Der Herbst schlägt leise Töne an. Die gedämpften Farben des Altweibersommers tauchen die Natur in ein warmes Gold. Zu dieser Jahreszeit kann man mit Fug und Recht von der güldenen Sonne sprechen. Im Spätherbst legen die Tiere ihren Winterpelz an. Ohne zusätzlichen Schutz ist ein Überleben im Gebirge unmöglich. Die kalten Monate kündigen sich mit den ersten Schneeschauern an. Ganz will sich der Herbst noch nicht geschlagen geben. Obwohl er sich dagegen sperrt, hat er jedoch bald verspielt. Nun führen Schneestürme das Regiment. Von einem Tag auf den anderen ist die Farbenpracht von der Bildfläche verschwunden. Weiß und grau geben nun den Ton an. Ab jetzt stehen die Uhren still hier oben.“